Und welches ist jetzt das Echte?


Neulich war ich mit meiner Tochter unterwegs, wir machten einen Spaziergang durch die verschneite Winterlandschaft. Auf diesem Spaziergang sind, wie kann es anders sein, auch einige Fotos entstanden (Zitat meiner Tochter: „Papa, was fotografierst Du denn jetzt schon wieder?“).
Doch der eigentlich denkwürdige Moment geschah als wir wieder zu Hause waren...
Während meine Tochter spielen ging entwickelte ich die Bilder des Spazierganges in Lightroom. Nach einer Weile kam meine Tochter und schaute mir über die Schulter, neugierig auf die Fotos die ich unterwegs gemacht hatte.


Neben einigen Landschaftsfotos wie dem Obigen und dem Bild am Anfang des Blogeintrages war auch ein Foto dabei, das ein weisses Pferd auf einer verschneiten Wiese im Gegenlicht zeigte.

Aufgrund des extremen Kontrastumfanges hatte ich mich für eine Belichtung entschieden, die möglichst genau in der Mitte lag. Jetzt, bei der Entwicklung der RAW-Datei konnte ich mich nicht entscheiden ob ich es heller oder dunkler ausarbeiten sollte. So entstanden zwei Alternativen:

Eines mit dem Pferd als relativ dunkle Silhouette vor dem hellen Hintergrund


Und eines mit etwas weniger starkem Schwarzanteil und einer lokalen Helligkeitskorrektur auf dem Hauptmotiv (dem Pferd).


Als ich diese beiden Versionen des Fotos nebeneinander meiner Tochter zeigte und sie fragte „welches gefällt Dir besser?“ schaute sie mich etwas verwirrt an und antwortete

„Papa, welches ist den jetzt des Echte?“

Ich war erst einmal sprachlos und überlegte wie ich einer Siebenjährigen erklären sollte, dass es so etwas wie ein „echtes“ Bild nicht gibt. – Alles was wir aufnehmen ist bearbeitet. Sei es durch die Auswahl des Aufnahmegerätes, den Moment den wir den Auslöser drücken oder durch die technische Aufbereitung.
Und es muss ja gar nicht die umfangreiche Beauty-Retusche sein, die auf die Bilder professioneller Fotomodelle oder prominenter Personen angewendet wird (Beispiele siehe z.B. hier und hier). Es reicht ja schon die Wahl eines anderen Filmes in der Analogfotografie, die automatische Bildoptimierung des Fotolabors oder die kamerainterne Erzeugung der JPG-Dateien mit all ihren Einstellmöglichkeiten wie Schärfe, Kontrast und Sättigung.

All das verändert unsere Bilder.

Und wenn erst einmal das (ebenfalls rein subjektiv wahrgenommene) Original aus dem Gedächtnis entschwunden ist, dann hat man meist auch keine Vergleichsmöglichkeit mehr um zu sehen WIE stark das Bild von der Realität abweicht. Wer fährt schon mit dem Urlaubs-Schnappschuss zurück an den Urlaubsort und vergleicht das fertige Foto auf Papier mit der Realität?
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