Einfach so fotografieren


Dieses Mal geht es um ein Thema auf das mich Wendy in einem Kommentar zum Artikel „Falsche Gründe eine DSLR zu kaufen“ gebracht hat. Seine Frage lautete „Kann man auch gute Fotos ohne RAW/PC Bearbeitung schiessen, oder wenigstens die Bearbeitung minimieren?“
Darauf werde ich im Folgenden ein wenig näher eingehen.
Ergänzung vom 29.04.2010:
Wie ich gerade über die Kommentarfunktion erfahren habe handelt es sich bei Wendy um einen „ihn“ und keine „sie“. Deshalb war eine Korrektur der Anrede fällig.


Lieber Wendy, ich mache es mir jetzt mal einfach:
Meine Antwort lautet „Ja“.

Genauer: „Ja, aber...“
Natürlich kann man mit jeder halbwegs brauchbaren Kamera heutzutage gute (und auch sehr gute) Fotos schiessen. Die Frage ist aber: Was versteht jeder einzelne von uns unter einem „guten Foto“?

Technik
Wenn man es von der rein technischen Seite sieht (Und sein wir mal ehrlich: Die meisten männlichen Fotografen die sich in den Fotoforen und -clubs tummeln gehen das Thema sehr stark von dieser Seite an) wird man sehr oft als Antwort bekommen: „Das Foto muss technisch perfekt ausgearbeitet sein. Deshalb schiesse ich es generell in RAW und bearbeite die Bilder am PC/Mac nach.“ Und ja, ich gebe es zu, bis zu einem gewissen Grad bin auch ich in dieser Ansicht gefangen.

Die Bilder selber nachbearbeiten entspricht heutzutage ungefähr dem, was früher in der Dunkelkammer (mit wesentlich mehr Aufwand) gemacht wurde. Da wird die Belichtung noch ein wenig korrigiert, Teile des Bildes werden separat aufgehellt und abgedunkelt und der Kontrast wird über die Wahl des Papieres, der Chemie und ggf. des gewählten Gradationsfilters angepasst. Und wenn die Person in der Dunkelkammer ihr Handwerk verstand kamen beeindruckende Ergebnisse dabei heraus die mit einem „einfachen Abzug“ des gleichen Negativs nicht mehr viel zu tun hatten.

Dabei wird aber gerne vergessen, dass ein gutes Bild im Kopf des Fotografen und mit der richtigen Handhabung der Kamera anfängt. Die Technik beginnt ja in dem Moment in dem ich die Kamera einschalte und mich (hoffentlich bewusst!) für eine bestimmte Blende und/oder Belichtungszeit entscheide, meine Position und den Blickwinkel wähle, mich für einen bestimmten Abstand und eine Brennweite entscheide…

Meiner Meinung nach kann man an diesem Punkt schon so viel richtig oder eben auch falsch machen, dass die beste Bildbearbeitung hinterher
a) schlimmstenfalls auch nichts mehr nützt.
b) bestenfalls dem Bild den letzten Schliff gibt.
Und Punkt „a“ kommt beim Ergebnis meist viel stärker zum Tragen als Punkt „b“.

Ein Beispiel zum Ausprobieren
Fotografiere einen Baum auf einem Feld bei Sonnenschein und blauem Himmel. Mache drei Fotos. Eines mit der Sonne von vorne, eines mit der Sonne im Rücken und eines mit der Sonne von der Seite.
  • Auf dem Bild mit der Sonne von vorne wird der Himmel verblasst und fast weiss sein oder der Baum wird nur noch als Silhouette dargestellt.
  • Auf dem Bild mit der Sonne im Rücken wird sowohl der Baum als auch der Himmel ziemlich gut stimmen was die Belichtung angeht.
  • Auf dem Bild mit dem Licht von der Seite wird die Belichtung des Baumes und des Himmels auch ziemlich gut stimmen. Aber zusätzlich wird die Struktur der Baumrinde wesentlich deutlicher hervortreten als bei dem Bild mit der Sonne im Rücken.
Wenn man sich solcher Mechanismen bewusst ist, dann wird man wesentlich bessere Fotos machen. Und das ganz ohne den Einsatz des „Dodge & Burn“-Werkzeuges in der Bildbearbeitung (Dodge & Burn = teilweise Abdunkelung bzw. Aufhellung des Bildes).

Inhalt
Natürlich sollte das Bild nicht verwackelt sein und allzu stark über- oder unterbelichtet auch nicht. Aber was nützt einem ein bis in’s Detail perfekt ausgearbeitetes Bild mit todlangweiligem Inhalt? Richtig, es wird sich niemand (trotz der technischen Perfektion) an die Wand hängen. Es ist einfach nicht interessant genug um es länger anzusehen. Aber wenn das Motiv interessant genug ist, dann kann man auch über kleinere technische Mängel hinwegsehen. Selbst, wenn man sie im RAW-Format und mit entsprechenden Kenntnissen der Nachbearbeitung (die müssen ja auch erst einmal vorhanden sein) noch hätte beseitigen können.

Ich persönlich sehe mir jedenfalls viel lieber ein altes, in schwarzweiss aufgenommenes, leicht verwackeltes und ggf. sogar etwas unscharfes Bild von Henri Cartier-Bresson an als ein technisch perfekt ausgearbeitetes Foto mit langweiligem Inhalt.

Und deshalb lautet meine (ausführlichere) Antwort:
Ja, man kann mit einer „ordentlichen“ Kamera (und dazu zählt heutzutage eigentlich jede DSLR) gute Fotos machen. Auch im JPG-Format. Und auch so, dass man sie hinterher nicht stundenlang nachbearbeiten muss. Man muss nur etwas dafür tun. Das ist nichts schlimmes – man muss nur mit Freude an der Fotografie durch die Welt gehen, die Augen offen halten und viel fotografieren. Und, ganz wichtig: Sich die Bilder hinterher auch ansehen und daraus lernen.


Hafenanlagen in Bremen.
Langzeitbelichtung vom Stativ an einem Abend mit sehr dunstigem Wetter.
JPG direkt aus der Kamera.
Nachbearbeitung: Beschneidung, Verkleinerung und leichtes Nachschärfen für die Webseite.

Hier noch ein Lektüre-Vorschlag:

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